Projekt Grenzgänger


Wir träumen von weiten Ozeanen, sternenklaren Nächten und fernen Ländern. Wir träumen von einem schnellen und stabilen Boot. Wir träumen von einfacher Handhabung bei kleinster Crew. Wir träumen von einem Trimaran.


Unsere Zwei-Mann-Crew:
Freddy Kuhlmann und Michaela Thol

 


Unser Prototyp: PoC - Proof of Concept
Jungfernfahrt am 27.7.2017 in Kerteminde
Bauzeit: knapp 2 Jahre




Rodeo-Ritt

Um der Dramaturgie vorweg zu greifen: wir haben den ersten Rückschlag hinnehmen müssen. Die Flutung am vergangenen Wochenende ist nicht zu unserer Zufriedenheit verlaufen. 

 

Dabei waren wir eigentlich sehr zuversichtlich. Zwei, drei Punkte waren uns im Vorfeld bereits aufgefallen, wo wir uns dachten ... hm, nicht ideal, beim nächsten Mittelrumpf würden wir das anders machen ... aber das waren Kleinigkeiten. Etwas andere Spannpunkte, ein etwas flacheres Heck, eine andere Legetechnik beim Glasgelege beispielsweise, aber nichts gravierendes.

 

Wie geplant hatten wir alles für die Flutung am 5.1.2019 vorbereitet. Lochfolie und Fließhilfe angebracht, die Spiralschläuche befestigt, die Vakuumfolie aufgelegt. Das Abdichten der Vakuumfolie hat lange gedauert (wir mussten ja drei Bahnen zusammenbringen), aber keine Probleme bereitet. Um kurz nach 11 Uhr konnten wir die Vakuumpumpen anschmeißen und um kurz nach 13 Uhr haben wir mit dem Anmischen des Harzes gestartet. 12 x 10kg Epoxidharz samt Härter wurden binnen einer Stunde angemischt. 

 

Die ersten Stunde nach der Flutung verlief wie erwartet. Das Vakuum war stabil und das Harz lief gut in den Rumpf. Dann deutete sich langsam an, dass hier etwas anders läuft als sonst. Große Flecken Glasgelege blieben ungetränkt. Der betroffene Bereich sollte eigentlich vom Harz getränkt werden, den wir in die Flutkanäle im Decksbereich injiziert hatten. Ein erstes Anzeichen für Harzanhäufungen im Deck. Dann roch es plötzlich stark nach verkokeltem Styrol, der Vakuumdruck fiel massiv und gleichzeitig sackte die Blase zusammen. Wir haben es dann geschafft, das Vakuum zu stabilisieren und gerettet, was noch zu retten gewesen ist, in dem wir während der darauffolgenden Stunden immer wieder die Vakuumpumpen angeschmissen und regelmäßig Luft in die Blase nachgeschoben haben.

 

Was war passiert?

 

Die Harzanhäufungen im Decksbereich haben zu einer starken Temperaturentwicklung geführt und  uns sämtliche Folien, Styrodurleisten und auch die EPS-Platten, die wir als Unterlage verwendet haben, durchgeschmurgelt.

 

Unsere erste Annahme war, dass unsere Idee mit dem einlaminierten Deck aus Styrodurleisten nicht funktioniert hat. Genauer gesagt, dass die Weiterverteilung des Harzes durch die Flutkanäle in den Leisten nicht funktioniert hat und wir deshalb die Harzanhäufungen hatten. Allerdings haben wir das bei unserer PoC bereits gemacht gehabt und da hatte es funktioniert. Bei der PoC ist nur das Deck leicht uneben geworden. Das wollten wir diesmal mit Hilfe der Dreiecksleisten verbessern. 

 

Als Freddy am Tag danach in die Blase klettert, wird jedoch klar, dass der Decksaufbau nicht die Ursache war. Um die recht kühle Umgebungstemperatur in unserer Halle (ca. 18°C) zu kompensieren und das Harz gut fließen zu lassen, hatten wir im Vorfeld verschiedene Maßnahmen ergriffen. Harz und Härter wurden fast zwei Wochen lang in unserem Temperofen auf 40°C vortemperiert. Außerdem hatten wir im Innern der Blase ein Temperiergerät aufgestellt. Und genau dieses thermostatgesteuerte Temperiergerät hat sich als Ursache herausgestellt.

 

Durch die kühle Umgebungsluft haben wir viel Wärme über die große Oberfläche des Rumpfes verloren. Um trotzdem auf die Zieltemperatur von 35°C im Innern der Blase zu kommen, hat das Gerät mit Vollleistung geheizt. Mit einem 9 Meter langem Luftverteilerschlauch sollte die Wärme gleichmäßig in der Blase verteilt werden und genau in diesem Bereich, auf der Länge und Breite des Schlauchs, ist uns die Blase geschmolzen. Die erzeugte Wärme sorgte dann für eine Reaktion im Harz und führte im weiteren Verlauf zu den Harzanhäufungen, wodurch weitere Wärme erzeugt wurde, die dann aufgrund der Styrodur- und EPS-Platten nicht anderweitig abgegeben werden konnte, sondern nach und nach sämtliche Schichten durchgekokelt hat.

 

 

Der übrige Decksbereich außerhalb des Luftverteilerschlauchs ist gut geworden. Das Konzept unserer Decksleisten scheint also grundsätzlich zu funktionieren, was uns zu diesem Zeitpunkt sehr beruhigt. Auch die Berechnung zur Harzverteilung und Harzmenge hätte anderenfalls gepasst. Der Einsatz des Temperiergeräts hat sich bei früheren Flutungsaktionen im Sommer durchaus bewährt. Das Problem war der große Unterschied zwischen Innen- und Außentemperatur. Und auch hier wäre vermutlich alles noch gutgegangen, wenn wir das Temperiergerät beispielsweise aufgehängt statt aufgestellt hätten.

 

 

Wie geht es jetzt weiter?

 

Durch den Verlust der Statik und des Vakuums während des Flutens hat sich die Rumpfform deutlich verzogen. Das zu korrigieren, würde einen riesigen Aufwand bedeuten und trotzdem im Pfusch enden. Wir haben deshalb entschieden, den Mittelrumpf neu zu machen. Allerdings erst, wenn wir wieder etwas höhere Temperaturen in der Halle haben. 

 

Wir müssen dazu sagen, dass wir beim Start dieses Projekts durchaus damit gerechnet haben, dass wir einen Rumpf während des Flutens verlieren können. Es ist und bleibt ein Experimentalbau. Wir sind trotz des vergangenen Wochenendes guter Dinge, was den Mittelrumpf angeht. Im Prinzip hat ja bis auf die Temperierproblematik alles funktioniert wie erwartet. Der neue Anlauf gibt uns zudem die Chance, die leichten Unstimmigkeiten, die uns im Vorfeld aufgefallen waren, zu korrigieren und den nächsten Mittelrumpf noch besser zu machen als der jetzige je hätte werden können.

 

Das aktuelle „Muster“ kann von uns als Grundlage genutzt werden, um notwendige Abstimmungen zu den Seitenrümpfen vorzunehmen. Zum Beispiel können wir jetzt die Positionierung der Schwerter, Schwertkästen, Einstiegsluken, evtl. auch schon der Beam-Auflagen bestimmen. Wir reaktivieren also unsere Seitenrümpfe, bis das Wetter wieder etwas schöner wird. Auch die Mastelemente könnten wir in nächster Zeit angehen.

 

Mit Elan ins neue Jahr

 Am nächsten Morgen, den 30.12., schaffen wir als erstes die Blase heran und rollen sie auf den bereitliegenden Schichten vorsichtig aus. Nach dem ersten Aufblasen spannen wir den Bug an der vorbereiteten Spannvorrichtung, die ihrerseits im Hallenboden verankert ist.

 

Wir haben uns entschieden, im Innern der Blase eine Stützvorrichtung aufzubauen, um den Kiel scharf ausgeformt zu bekommen. Ohne diese Vorrichtung haben wir Sorge, dass es zu rund wird. Der Aufbau dieser Stützvorrichtung nimmt viel Zeit in Anspruch. Wir sägen Holzlatten zurecht, die Freddy dann im Innern der Blase zusammenfügt, anpasst und verbindet. Für die Befestigung klebt er vorab Laschen aus PVC-Folie an die Innenwand der Blase.

 

Und hierbei produzieren wir dann fast den „Katastrophenfall“ unseres Projekts: die Dose mit dem Kleber bleibt unbeaufsichtigt im Innern, während wir von außen die Spannvorrichtung am Heck aufbauen, um die Stützvorrichtung ausrichten zu können. Die Dose kippt um und der Kleber läuft aus. Der PVC-Kleber funktioniert durch kontrolliertes Anlösen der PVC-Folie. In unserem Fall finden wir später ein riesiges Loch im Blasenboden vor. Glück im Unglück: die darunterliegende Trennfolie ist aus PE und hat dem Kleber standgehalten. Glasgelege, Styrodurleisten und die darunter liegende Vakuumfolie sind nicht betroffen. Freddy klebt einen großen Flicken auf die Stelle und es scheint erstmal wieder dicht zu sein. Im Innern der Blase geht ohne Atemschutzmaske mit Spezialfilter, die auch Lösungsmittel wegfiltern, gar nichts mehr. Da haben wir uns einen ordentlichen Schrecken eingejagt.

 

 

Am 31.12. geht es weiter. Der Flicken im Innern hält, die Stützkonstruktion und die Spannvorrichtungen ebenfalls. Zeit, um uns um das nächste Problem zu kümmern: unsere Unterwasser-Rumpfform.

 

Freddy möchte in diesem Bereich gern ebene Flächen haben, die Richtung Kiel zusammen laufen. Richtung Bug soll es dann langsam etwas bauchiger werden, wobei der Bug selbst dann wieder sehr schlank werden soll. Er hat die Form bei der Konstruktion der Blase und der Hülle aus Abreißgewebe bereits berücksichtigt, aber ganz ohne Hilfsmittel würden wir diese planen Flächen nicht hinbekommen. Nach langen Überlegungen entscheiden wir uns dazu, der Wunschform mit Pressplatten nachzuhelfen, die auf der Blase platziert werden. Die sorgen für eine plane Fläche, sind aber so flexibel, dass sie sich bei Spannung gut einfügen. Wir nehmen dafür alte ausgemusterte Wandelemente unseres Firmen-Messestand-Systems. Wir sägen die Elemente zurecht, kleben mit Klebeband eine Art Filmscharnier und legen die Platten deltaförmig über den Kiel der Blase. Sieht erstmal etwas strange aus, aber als wir die Blase aufpusten, sehen wir, dass das in ungefähr so wird wie sich das Freddy ausgedacht hat.

 

Dann umhüllen wir die ganze Blase mit Trennfolie und gehen daran, das an der Decke hängende Glasgelege auszurollen. Das geht ziemlich gut und schnell, so dass wir direkt mit dem Schließen des Reißverschlusses weitermachen. Die Frage, wie wir oben an die Blase herankommen, um den Reißverschluss zu schließen, ist bis hierhin ungeklärt. Das ganze muss vorsichtig und ohne Druck passieren, außerdem muss das Glasgelege darunter noch ordentlich sortiert und geordnet werden. Für diese Situation hatten wir beim Aufbau unserer Bau-Ecke eine Laufschiene mit ein paar Laufkatzen an der Decke befestigt, aber noch nicht weiter fest eingeplant. Jetzt improvisieren wir. Ein paar Spanngurte, ein schnell zurechtgesägtes Brett aus Pappelholz, ein bisschen WD40 … um 22:30 hängt Freddy in dieser Schaukel und wir lachen uns scheckig. „Und, was hast du so zu Silvester gemacht?“ „Ach, ich habe so rumgehangen“.

 

Das Verschließen des oberen Reißverschlusses und die Korrektur des Geleges geht auf diese Art ziemlich gut und kontrolliert. Wir starten noch mit den beiden unteren Reißverschlüssen, aber dann geht es auf Mitternacht zu und wir entscheiden, am nächsten Tag weiter zu machen.

 

Ein kleiner Schluck Sekt vor unserem Riesenbaby, den ich schon vollen Herzens adoptiert habe und wir machen Feierabend und lassen das neue Jahr auf uns zukommen.

 

Auf ein erfolgreiches, gesundes Jahr 2019.

 

Aufbau des Decks

Am nächsten Morgen, den 29.12., verlegen wir unsere Arbeiten in unsere Ecke. Der Tag steht ganz im Zeichen unserer Decksfläche.

 

Als erstes legen wir mit EPS-Platten einen 12x3-Meter-Bereich aus, auf dem wir die ganzen Lagen zum Fluten aufbauen werden. Da wir ganz zuunterst die Vakuumfolie legen, wollen wir das nicht direkt auf dem Betonboden machen. Wenn sich hier irgendein Fremdkörper in die Folie bohrt und dadurch ein Leck verursacht, haben wir beim Vakuum ziehen keine Chance mehr, heranzukommen und abzudichten. Also sind wir extremst vorsichtig.

 

Auf die EPS-Platten wird als erstes die Vakuumfolie ausgebreitet. Die Bahn ist 3 Meter breit, so dass wir drei Bahnen verbinden müssen, um die Blase komplett zu umfassen. Auf die Vakuumfolie kommt das Absaugvlies. Auch das legen wir in drei Bahnen aus. Darüber kommt die Lochfolie, ebenfalls in drei Bahnen.

 

 

Jetzt kommt unsere Rolle mit dem Glasgelege und der Abreißfolie oben auf und wird von uns mittig platziert und vorsichtig ausgerollt. Im Anschluss verlegen wir die vorbereiteten Decksleisten aus Styrodur und kleben jede einzelne mit Sprühkleber auf das Glasgelege. Diese Arbeit dauert deutlich länger als erwartet und geht ziemlich auf die Knie. Freddy ist kurz davor zu entscheiden, dass wir doch nur ein 5-Meter-Boot bauen.

 

Erst am Abend haben wir die ganze Fläche fertig und zugeschnitten. Jetzt verlegen wir darüber eine weitere Lage 600g Uni-Direktional in Querrichtung. Im Decksbereich fertigen wir ja quasi Innen- und Außenschale in einem Guss, deswegen kommen hier weitere Lagen dazu. Dann kommen unsere Dreiecksleisten zum Einsatz. Damit schaffen wir einen ordentlichen optischen Abschluss und stabilisieren das Deck zusätzlich. Anschließend kommt in Längsrichtung noch eine Lage 750g Tri-Axial Glasgelege und die Trennfolie für die Blase.